Auszug [unveröffentlicht]

VOM STERBEN MÖGLICHER WELTEN

Stadtgeflüster

Durch die geöffneten Flügel der großen weißen Altbaufenster dringt der Lärm der Straße durch den frühen Abend in ihr Zimmer. Farka sitzt am Schreibtisch und versucht ein Gesicht festzuhalten, das sie heute gesehen hat. In der Bahn saß ihr eine alte Frau gegenüber, sehr schlicht gekleidet. In ihren Händen hielt sie einen Korb mit Einkäufen vom Markt. Obst und Gemüse für die ganze Woche. Man konnte ihr ansehen, dass sie nicht viel hatte, dass sie nicht in ein großes Haus fahren würde, voll mit schweren antiken Möbeln, sondern eher in eine kleine Wohnung, am Rande der Stadt, am Rande dieser Gesellschaft.

Man konnte ihr ansehen, dass sie in ihrem Leben Sorgen gehabt hatte, Sorgen, von denen die nachfolgende Generation keine Ahnung hat. Sie erlebte eine Kindheit in einem zerbombten Land. Vielleicht ist der Vater nie von der Front zurückgekehrt. Hat die Mutter allein zurück gelassen mit ihren kleinen Kindern, ohne Geld, ohne Hab und Gut, ohne Hilfe. Hat sie das Land wieder aufbauen lassen, mit bloßen Händen. Mit Händen, die kurz darauf Geldscheine in Wäschekörben zur Bank trugen. Geldscheine mit so vielen Nullen darauf, dass man jede Vorstellung von Wert verlor.

Es war keine Kindheit mit großen Gärten und weiten Wiesen, sondern eine Zeit mit schwarzen Kohlen, Ziegelsteinen und dem Tod auf Postkartenformat, Grüße aus den Schützengräben. Das Misstrauen einer gespaltenen Nation. Gespalten in Freund und Feind, in Hoffnung und Verzweiflung. Eine Mutter, die abends am Küchentisch weint. Die Brotscheiben unter ihren Kindern aufteilt und sonntags feierlich ein Stück Butter auspackt. Im Gesicht dieser Frau liegt der Schwur nie wieder arm sein zu wollen, nie wieder hungern zu müssen. Den eigenen Kindern niemals erklären zu müssen, was man zu tun hat, wenn Schüsse auf der Straße fallen. Sie hat die Mutter stark sein gesehen, das Land aufbauen, aus Trümmern neue Existenzen schaffen. Sich mit Kohle die Nähte von Feinstrumpfhosen auf die Waden zeichnen, erfinderisch sein und damit Erfolg haben. Und dann doch von den Männern zurück gedrängt werden, sobald diese sich von ihren Kriegsblessuren erholt haben, sobald das Trauma des Tötens verdrängt ist.

Stolze Frauen, die geschafft haben, was zu keiner anderen Zeit hervorgebracht wurde und dann doch den Rückzug antraten, zurück aus der Öffentlichkeit, aus der Politik, wieder hin zum Haushalt. Bis ihre Töchter für die freie, gleichberechtigte Liebe auf die Straßen gingen. Die Töchter, die das starke Erbe in sich trugen und vollendeten, was ihre Mütter begonnen hatten, einen Kampf zu Ende fochten. All dies zeigt sich im Gesicht der Frau mit den Äpfeln auf ihrem Schoß. Trotz ihrer sichtbaren Armut ist die Stärke zu erkennen, die sich hinter der alternden Haut zu verbergen sucht. Ihre Eleganz. Ihr Kampfgeist. Und was ist das schon gegen eine Villa voller antiker Möbel?

In dieser Frau erkennt Farka die Vertreterin einer Generation, die sich ihr Überleben sichern musste. Kinder des Kriegs, der Tötung, der Vergewaltigungen. Den eigenen Töchtern und Söhnen eine Sicherheit vermitteln wollen, einem ganzen Land Sicherheit geben. Sichere Arbeit, sichere Renten, Krankenversicherungen. Und dann kommt die nächste Generation, deren Kinder, die Altersgenossen Farkas. Sie entspringen dem Wohlstand ihrer Elternhäuser, haben keine Aufgabe, müssen nicht aufbauen, nicht weiterführen, nicht kämpfen, sie können tun und lassen was sie wollen. Eine Generation, die sich an Therapeuten, Coachingunternehmen und Ratgeberliteratur wendet. Es geht um Selbstfindung, Selbstverwirklichung, Selbstoptimierung. Die Aufgaben der Generationen haben sich also von außen nach innen gewandt. Überleben, Leben sichern, Sinn des Lebens.  Jedes für sich keine leichte Aufgabe. Jedes für sich impliziert die immer währende Angst vor dem Scheitern. Jedes für sich führt zur Erschöpfung und dennoch denkt Farka sich, dass ihr Leben im Vergleich zu dem der alten Frau einem Spaziergang gleicht und sie wundert sich warum dieser so schwer ist.

Farka versucht nun also mit einem Stück Kohle die Züge dieser Frau auf Papier zu bringen. Ihre Ausstrahlung einzufangen, festzuhalten, darzustellen. Durch das Fenster dringt das Stimmengewirr der Straße zu ihr ins Zimmer. Der Lärm der Stadt. Autos, die vorbei rasen, hinein in die beginnende Nacht. Ein Hund kläfft. Ein Betrunkener singt ein Lied, man hört sein Schwanken. Andere lachen laut. Aus der Bar von gegenüber dringt mit jedem Öffnen der Tür ein wenig Musik nach außen. Alles zusammen die Komposition einer Großstadtsommernacht. Eine Melodie, die Farka liebte, als es sie hier her zog.

Als sie zum ersten Mal in diese Stadt kam, war es bereits Nacht und sie fuhr mit dem Zug in ein Meer aus Lichtern, das immer dichter wurde. Durch die Fenster des Zuges späte sie in die Fenster der Häuser, sah rote Vorhänge und Pflanzen auf Fensterbrettern, Küchen, Klaviere, Wellensittiche in Käfigen, Kerzen auf den Tischen, Bilder an der Wand, einen Globus auf dem Nachttisch, Menschen auf ihren Balkonen, das flackernde Licht der Fernseher. Sie fuhr in diese Stadt ohne zu wissen, wo sie bleiben würde, welches der Fenster bald das ihre wäre. Sie hatte in der Zeitung ein paar Anzeigen ausgeschnitten, mehr gab es noch nicht, mehr Verbindung zwischen ihr und dieser Stadt, zwischen ihr und einem potentiellen Fenster waren noch nicht geknüpft. Es war aufregend zu wissen, dass sie bald hier sein würde und gleichzeitig erstickend, nicht zu wissen wo.

Jetzt, nur ein paar Jahreszeiten später sitzt sie also in ihrem Zimmer, hinter ihrem Fenster, hinter ihren weißen, leichten Vorhängen, hinter ihren Pflanzen auf dem Fensterbrett, unter ihren gerahmten Bildern. Und der Lärm der Stadt erscheint ihr unerträglich. Als wolle die Stadt zu ihr hinein, in ihre kleine weiße Welt, als dringe alles durch diese großen Flügel des Altbaus, als könne das dünne Glas sie nicht einmal aufhalten, wenn sie geschlossen wären. Als würde die Stadt, der Dreck der Straßen, die Trunkenheit der Menschen durch die Ritzen der Fenster ziehen, wie im Winter der eisige Ostwind. Es lässt sich schlecht fliehen, vor dieser drohenden Invasion, denn für eine Flucht müsste sie hinaus aus den Wänden, die einmal sicher waren. Die einmal Rückzug waren. Hinaus in das, was sie nicht haben möchte. Draußen ist noch mehr an Lärm, an Dreck und diese Massen an Menschen.

Am unerträglichsten sind für Farka die Sirenen der vorbei rasenden Einsatzwägen von Feuerwehr, Polizei und Notärzten. In einer viel zu dichten Regelmäßigkeit durchsticht deren lautes Heulen den restlichen Lärm, drängt ihn zur Seite, überdröhnt ihn für eine kurze Sekunde und rast dann vorbei. Jedes Mal erneut ein Beweis dafür, dass Krankheit, Gewalt, Vernichtung und Tod hier hinter den Ecken lauern, mehrmals am Tag hervorkommen und sich holen, was ihnen gebührt.

Wenn der Rückzug nicht mehr gelingt, wenn hinein kommt, was draußen bleiben soll, so ist der Ort nicht mehr sicher, nicht mehr geeignet, um hier zu sein. So kann sie nicht leben, denkt Farka. So kann sie nicht zeichnen, so kann sie nicht denken, so kann sie nicht schlafen, nicht essen. Es macht sie nervös, ständig auf der Flucht zu sein, drinnen wie draußen, das entfacht in ihr eine nicht zu stillende Unruhe. Das Gefühl in den Beinen, als müsste sie schnell rennen und sie weiß nicht wohin. Vielleicht ist es an der Zeit diesen Ort endgültig zu verlassen. Ihn einzutauschen in eine andere Welt, in der das Kribbeln in den Füßen verstummt.

Und wieder einmal ist es das Schicksal, das in diesem Moment die Zügel in die Hand nimmt. Es ist nicht nur dazu in der Lage eine bestehende mögliche Welt zu vernichten, sondern kann auch eine neue Tür öffnen, die bislang nicht dagewesen ist. In diesem Fall ist die Tür ein Anruf von Farkas Mutter, die vom Tod einer Freundin ihrer Tante berichtet, von deren Erben, die sich nicht um den Nachlass kümmern wollen und dem Häuschen, das nun verlassen und abgeschieden in einem Waldstück steht, keiner wisse, was damit zu tun sei. Das Geld für eine notwendige Sanierung könne oder wolle niemand aufbringen, auf einen Verkauf der Immobilie hingegen könne man sich auch nicht einigen. So steht das Objekt des Streits nun unbewohnt und leer. Farka notiert sich die Telefonnummer der Großtante und nach einigen Minuten eines zähen Gespräches mit dieser über das Leben und das Wetter in der Großstadt, erfährt sie, an wen sie sich zu wenden hat, um das Haus zu besichtigen.

Noch in derselben Woche löst sie am Bahnhof ein Ticket, steigt hinein, in eine stundenlange Fahrt, die sie ihrer Heimat ein Stück näher bringt. Die Landschaft, die an den Zugenstern vorbeifliegt, verändert sich. Aus den grauen Steinwänden werden platte Ackerlandschaften mit unendlichen Weiten, flach, so dass man bis zum Ende des Tellerrandes sehen kann. Dann wird es immer grüner, hügeliger, der Wald wird dichter. Zunächst stehen nur ein paar schlanke Birken am Rande der Gleise, die sich zunehmend mit dicken Buchen mischen, um dann zu verschwinden und dem Gestrüpp der Tannen und Fichten zu weichen. Der Horizont ist nicht mehr zusehen, ihm stehen Berge und Bäume im Weg.

Im Licht der untergehenden Sonne erscheint der Bahnhof an dem Farka den Zug verlässt. Er liegt zwischen ein paar kleinen Häusern, die ihr erscheinen, als wären sie aus einer Eisenbahnmodellbaulandschaft geklaut. Der Bahnhofsschalter und das kleine Kiosk haben bereits geschlossen, ein alter Mann sitzt auf einer Bank in der Abendsonne und raucht Pfeife, ansonsten ist niemand zu sehen. Farka betritt den Landgasthof gegenüber des Bahnhofs, mietet sich unter dem misstrauischen Blick der Wirtin ein Zimmer und fragt nach der Straße, die in ihrem Notizbuch der einzige Eintrag für diesen Monat sein soll. Die Wirtin erklärt ihr den Weg, stellt neugierige Fragen und leiht Farka ihr Fahrrad, vermutlich in der Hoffnung damit ein Stück Vertrauen zu schenken, das natürlich wieder zurückkommen soll. Am liebsten in Form von Informationen, die ihre Neugierde befriedigen. Farka weicht den Fragen geschickt und höflich aus, steigt auf das Rad und fährt den beschriebenen Weg in den Wald hinein. Als sie am Haus ankommt, ist es schon fast dunkel.

Dennoch ist es nicht zu übersehen, da es direkt am Rande des sandigen Waldweges liegt, der zwar lange, aber immer geradeaus durch das Dickicht der Bäume führt. Vor der Eingangstür ist ein kleiner Windfang, in dem etliche Blumentöpfe, ein Paar Gummistiefel und Gartenwerkzeuge durcheinander stehen. Farka braucht einige Minuten, bis sie den Schlüssel, der ihr hier deponiert wurde, finden kann. Es ist kein moderner Schlüssel, nicht klein, flach und silbern, sondern ein schöner alter Schlüssel, mit einem geschnörkelten Kopf, etwas rostig und für Farka ist er das erste Zeichen, dass sie hier genau am richtigen Ort ist. Sie schließt die hölzerne Tür auf, sie klemmt und knarzt ein wenig. Ein freundliches Geräusch, als würde das Haus ihr willkommen sagen. Trotz der beginnenden Dämmerung ist es auch drinnen hell, denn die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fallen durch die Fenster des Wohnzimmers, das gleich hinter dem kleinen Flur liegt.

Farka betritt den großen Raum, der leer ist, nur einige Möbel sind unter Laken zu erahnen. Es riecht nach Holz und Geborgenheit. Nach Spätsommer und Garten. Garten: Ohne in die anderen Räume zu gehen, öffnet Farka die gläserne Türe, die von hier aus nach draußen führt und findet sich sogleich in einem wilden Paradies wieder. Obwohl die Besitzerin des Hauses erst kürzlich verstorben ist, war sie wohl, es ist offensichtlich, schon lange nicht mehr nicht dazu in der Lage der Gartenarbeit nachzugehen, die sie zuvor jahrzehntelang akribisch betrieben haben muss, denn hier wuchern die buntesten und schönsten Blüten um Gemüsestauden und alte Obstbäume. Das Gras steht hoch und hat sich auch in den Beeten breit gemacht, jeden Winkel erobert, der möglich ist.

Vögel zwitschern in den Ästen der hohen Tannen, die am hintersten Ende, am Saum des Waldes, stehen, Mücken schwirren durch die noch warme Luft des Hochsommers. Im gesamten Garten hängt der schwere Duft des blühenden Holunders, der seine weißen Wolken zwischen das Grün der Blätter hängen lässt. Farka setzt sich auf die steinernen Stufen, die vom Haus hinab führen, und spürt die lang ersehnte Ruhe unmittelbar in ihr einkehren. Sie überlegt sich, ob sie gleich die Nacht hier verbringen soll, um am morgigen Tag keine Zeit zu verlieren und sofort nach dem Erwachen mit der Erkundung des Hauses und der Gegend zu beginnen, doch im Haus stellt sie fest, dass der Strom abgestellt ist und sie in der nun einkehrenden Dunkelheit besser in ihr wohliges Federbett im Landgasthof zurückkehrt.

Sie sperrt das Haus, ihr Haus, hinter sich ab, steckt den Schlüssel in die Hosentasche und schwingt sich auf das alte Fahrrad. Zum ersten Mal seit einer unglaublich langen Zeit verspürt sie die Energie zurück, die sie seit Monaten vergeblich gesucht hat. Als wäre all die Taubheit aus ihren Füßen gewichen, all der Nebel aus ihren Gedanken, als wären die düsteren Täler der Welt meilenweit zurückgedrängt, in unerreichbare Ferne. Als wäre die Schwerkraft kein universell gültiges Naturgesetz, sondern ein wenig wie die Lufttemperatur oder die Zeit, nämlich abhängig von der Wahrnehmung des Einzelnen. Und jetzt, in diesem Moment, hat die Schwerkraft an Bedeutung verloren.

Sie merkt wie sich der Trubel der Großstadt aus ihrem Kopf verzieht, aus ihrem Körper. Sie frei macht, leer und rein. Das Gedankenkarussell steht still, zum ersten Mal seit Monaten. Die unendliche Vielfalt der Möglichkeiten schmilzt hier zusammen, auf eine einzige. Auf eine gerade Linie. Die tausend Fenster, hinter denen sich jeweils eine andere Welt verbirgt, sind verschwunden. Der Drang alles zu erforschen, alles zu sehen, alles auszuprobieren und nicht zu wissen wo zu beginnen, er legt sich. All die Energie, die in der großen Stadt in das ständige Imkreisdrehen investiert wurde und damit keine Wirkung hervorbringen konnte, sie ist nun wieder da, auf einen Punkt gebracht, hier in diesem Garten. Farka merkt, dass sie eine richtige Entscheidung getroffen hat. Wenn die Welten auf einen herein prasseln, man nicht weiß, welche zu wählen ist, man die Freiheit der Wahl als Last empfindet, als kraftraubend und zehrend, dann ist es an der Zeit das System zu wechseln. Hinein in einen Kosmos, der weniger Möglichkeiten bereit hält, der überschaubarer ist, greifbarer, und frei sein lässt mit einer Leichtigkeit und nicht der erdrückenden Schwere der Unentschließbarkeit.

Am nächsten Morgen ist Farka mit dem ersten Lichtkegel am Fenster wach, plaudert bei einem knappen Frühstück freundlich mit der Wirtin, leiht sich erneut das Rad und macht sich auf den Weg durch den Wald. Dabei entdeckt sie einen kleinen See zwischen den Zweigen, der ihr am Vortag verborgen geblieben war.

Das Reh

Als sie erwacht, weiß sie im ersten Moment nicht wo sie ist. Dann erkennt Farka den Fußboden ihrer Küche, sie liegt unter dem Tisch, nackt, das Licht des frühen Morgens scheint fahl auf die Dielen. Sie ist von einem unerträglichen Gestank erwacht, der sich im gesamten Raum ausgebreitet hat. Eine vollständige Erschöpfung übermannt sie in diesem Moment mit unbändiger Wucht. Als sie sich dennoch langsam aufrichtet, spürt sie jede Faser ihres geschundenen Körpers. Erst dann bemerkt sie, dass der Geruch sie nicht nur umgibt, sondern aus ihr selbst heraus kommt.

Sie leckt sich über ihre trockenen Lippen und schmeckt geronnenes Blut. Überall ist Blut. Auf ihren Händen, in den Zwischenräumen der Fingernägel, in ihrem Haar, auf ihrer Haut und dem gesamten Fußboden. Kauernd fällt ihr Blick auf die Mitte des Raumes und da sieht sie es. Ein Reh. Der leblose Körper liegt auf dem Rücken, die Bauchdecke ist geöffnet, der Hals zerfleischt, sodass die Luftröhre und ein Teil der Wirbelsäule zu erkennen sind. Die dunklen Augen starren leblos an die Decke. Wie große schwarze Murmeln stecken sie im Kopf des Tieres. Der Mund ist geöffnet, als wäre es an seinem eigenen letzten Schrei erstickt.

Farka springt erschrocken auf, schlägt sich dabei den Kopf an der Tischplatte an, kann den Blick nicht von dem erlegten Körper abwenden, bis sie begreift, dass das Blut an ihren Lippen daher stammt. Ihr wird übel, sie hastet in ihr Badezimmer, durch den Flur, der ebenfalls von Blutspuren durchzogen ist und übergibt sich in die Toilette. Vor ihr schwimmen rohes, zerkautes Fleisch, Knochensplitter, Fellbüschel und noch mehr Blut.

Ihre Gedanken rasen, sie weiß nicht was geschehen ist, in dieser nun vergangenen Nacht. Noch immer scheint das Licht des Morgens unschuldig durch die Fenster. Diese Welten passen nicht zueinander. Zum einen die Schrecken der Dunkelheit, von der sie nur ein Abbild des Endzustandes erhält - die Erinnerung an einen Ablauf der Gegebenheiten bleibt ihr verwehrt. Und dann diese Reinheit und Unschuld des neuen Tages, der frühen Morgensonne, die alles in ein helles Licht hüllt, als wolle sie sagen, dass nichts geschehen sei.

Farka spült ihren Mageninhalt in die Tiefen der Kanalisation und wischt die roten Sprenkel vom den Fliesen. Dann setzt sie sich in die Duschwanne und stellt das heiße Wasser an. Unermüdlich beginnen die Tropfen auf ihren Hinterkopf zu prasseln und von dort die Spuren der Nacht von ihrem Körper zu waschen. Erst als das Wasser klar wird, beginnt sie sich einzuseifen, ihr Haar zu waschen, das geronnene Blut unter ihren Fingernägeln zu entfernen, ebenso die Erdkrusten von ihren Füßen und Schenkeln. Sie rasiert ihre Achselhöhlen, ihre Waden und ihre Scham, entfernt die dunklen, kurzen Härchen.

Sie stellt das Wasser ab, trocknet sich rasch an einem Handtuch, zuerst den Körper, dann das Haar, putzt ihre Zähne. Der unerträglich schale Geschmack verflüchtigt sich und weicht einem Gefühl von Frische und Reinheit. Sie holt sich frische Wäsche aus dem Kleiderschrank und betritt damit bekleidet erneut ihre Küche. Hier herrscht noch immer ein Bild der Verwüstung. Es war also doch kein irrer Traum. Auf dem Reh sitzen mittlerweile Fliegen, die durch emsiges Summen ein offensichtliches Vergnügen an diesem Mahl demonstrieren.

Farka zögert nicht lange. Das Tier muss verschwinden. Sie nimmt einen großen schwarzen Plastikmüllsack, um es darin zu verstauen, doch die langen Beine des Rehs klappen in unterschiedliche Richtungen. Durch die Bewegung werden die Gedärme aus der offenen Bauchdecke herausgelöst und klatschen auf das Holz der Dielen. Beinahe muss sie sich noch einmal übergeben, doch dafür ist nun keine Zeit. Sie atmet tief durch den Mund ein, um dem beißenden Geruch nicht erneut ausgesetzt zu sein, packt den reglosen Kadaver und überzieht ihn mit der Hülle aus schwarzem Plastik. Diesmal gelingt es. So schleppt sie das mumifizierte Tier in die Duschwanne. Es ist schwerer als es den Anschein erweckte.

Dann wischt sie das Blut vom Boden. Sie muss den Lappen mehrere Male auswringen, bis alle Spuren entfernt sind. Erst im Flur bemerkt sie, dass die Haustüre weit offen steht. Der Tau des Morgens hat draußen alle Unreinheiten mit sich hinfort gewaschen. Wenn also niemand beobachtet hat, was sich in der Nacht ereignete, so werden es keine Spuren verraten. Farka schließt die Tür, setzt in der Küche Kaffee auf, öffnet die Fenster und überlegt, wie und wo man ein totes Reh entsorgen kann, ohne Aufsehen zu erregen.

Es an einer abgelegenen Stelle des Waldes zu verstecken erscheint ihr als zu riskant, man könnte sie bei diesem Unterfangen beobachten, was wiederum zu unerklärbaren Fragen führen würde. Ein Reh im Restmüll wäre wohl ein ähnliches Wagnis, zumal die Tonnen erst in ein paar Tagen geleert werden, eine solche Verzögerung ist jetzt nicht zu erdulden, die Lösung muss sofort angewandt werden können.

Sie denkt an den leblosen Korpus in ihrer Duschwanne. Ein Lebewesen, das kein Leben mehr in sich trägt – ein Wiederspruch in sich, ausgelöscht von einer Sekunde zur anderen. Ein sinnloser Tod, ein sinnloser Anblick, dieses in Plastik gehüllte Tier auf weißem Porzellan. Es gehört doch hinaus in das hohe Gras, in das sanfte Abendlicht, in die Ruhe der Wälder. Es sollte die frischen Triebe der jungen Birken kauen, unter seinen schwarzgrauen Hufen sollten dünne Tannenzweige knacken und die großen Ohren sollten bei jedem kleinsten Geräusch zucken. Ein sinnloses Sterben ist keines Wesens würdig. Vor allem nicht, wenn dieses Wesen als Sinnbild der Unschuld und Grazilität anzusehen ist.

Farka beschließt, dass sie dem Reh, das ohne ersichtlichen Grund diese Welt verlassen musste, wenigstens in seinem Tode noch einen Sinn geben wird: Sie wird es essen. Also befreit sie den schweren, schlaffen Körper wieder aus der schwarzen Haut. Vermutlich muss das Tier ein paar Stunden oder Tage abhängen, damit das Fleisch genießbar bleibt. Und die Gedärme müssen entfernt werden. Farka holt ein scharfes Messer aus ihrer Küche und begutachtet den Inhalt der geöffneten Bauchdecke. Sie zieht an den Gedärmen, greift mit beiden Händen in die Bauchhöhle, umfasst Organe und befördert diese in einen Eimer. Es geht leichter als sie dachte. Das Messer benötigt sie nur stellenweise und schlussendlich zum Ausschaben des Bauchraums. Sie befestigt eine Schlinge um den zerfleischten Hals des Tieres und hängt es daran an die obere Befestigung der Duschstange. Sie wird in die Bibliothek fahren und sich anhand entsprechender Literatur aneignen, wie man Wild fachmännisch zerlegt.